Die Dordogne

1 - Die Tour

Wer und Wann

Jana, André

5.8. - 18.8.2006

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Die Strecke

von Argentat nach Tremolat über etwa 180km in 9 Paddeltagen.BildBild

Kartenskizze

3 - Die Tour in Wort und Bild

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Samstag, 5.8.2006

»Berlin – Paris – Brive la Gaillard - Argentat

Die deutsche Bahn hat Recht. Man muß wirklich 3x von der S9 in die S9 steigen, um von Bellevue nach Schönefeld zu kommen. So kommt man kurz nach Sonnenaufgang schon in den Genuss von brüllenden, gestressten Mitreisenden, versifften S- Bahnen und viel Bewegung an frischer Luft. Trepp auf, Trepp ab. Trotzdem muss ich nicht wie die meisten gehetzten Reisenden rennen, um mein Flugzeug nach Paris noch zu erreichen. Gut das ich immer so früh losgehe. Und in Paris treff ich dann den André wieder, der gestern Abend mit dem Nachtzug schon mal vorgefahren ist. Faltboote als Übergepäck sind teuer, und er fährt ja gern Zug. Für mich ist Flieger die billigere Alternative. Ach, ich freu mich schon so. Gestern kam noch die Zusage aus Freiburg, jetzt liegen 2 Wochen Paddeln in Südfrankreich vor uns, danach der Jakobsweg. Schön.

Wenig später treffe ich in Paris Austerlitz auf einen André, der fix und fertig ist mit der Welt. Schlecht geschlafen im Nachtzug, keine Fahrstühle in Paris, keine Rolltreppen. Dafür enge S- Bahn- Kontrolltüren und Schienenersatzverkehr. Armer Schatz. Ich habe ihn erstmal zu Kakao und Croissant ins Café eingeladen und anschließend gleich dort auf dem Stuhl sitzen lassen, um mich auf den Strassen von Paris auf die Suche nach Nahrung zu machen. Um 14.00 Uhr ging es mit dem Zug weiter nach Brive la Gaillard. Toll ist, dass im TGV jeder Sitz einen Tisch hat, auf dem man Carcassonne spielen kann.

Blöd ist, dass Teile, die in die Ritze hinter den Tisch geraten, unrettbar verloren sind. Hmm.
In Brive haben wir den Bus nach Argentat ausfindig gemacht, ein roter Kleinbus. Da wir die einzigen fahrgäste waren, konnten wir unser Gepäck großzügig auf den Sitzen verteilen. Ein Gepäckfach oder auch nur einen Kofferraum hatte dieser Bus nämlich nicht. Nach einer Rundfahrt durch romantische, alte Bergdörfer im Abendlicht waren wir um 20.00 Uhr in Argentat. Als wir nach längerem Fußmarsch auf dem Camping „Echo du Malpassage“ ankamen, hatte das Schwimmbad schon zu (Sauerei!) und eine Horde Deutscher tobte über den Campingplatz. Wir stürmten als erstes ans Wasser. Das war sie also, die Dordogne, unser Begleiter für die nächsten 2 Wochen. Munter, flott, sehr schön. Nach Zeltaufbau und Spaghetti mit Tomatensoße fielen wir beide umgehend erschöpft in die Schlafsäcke.


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Sonntag, 6.8.2006

»Argentat - Beaulieu

Sonntagmorgen, kaum erwacht, sprang ich auch schon nichts wie raus aus dem Zelt und begann das Boot aufzubauen. Bevor die Sonne unser Zelt erreichte, lag der Vuoksa schon erwartungsfroh auf dem Rasen. Nur noch schnell ein Baguette und ein Pain au chocolate, dann ging es endlich aufs Wasser. Die Dordogne! Sie floß recht munter am Campingplatz vorbei, was uns dazu motivierte, wirklich alles wasserdicht zu verpacken. André hatte es sich auch nicht nehmen lassen, jeden Sack einzeln rausfallsicher im Boot zu vertäuen. Und kaum das wir gestartet waren, hörten wir auch schon die Mal Passage rauschen. Mal Passage- schwierige Passage. Also erstmal anlegen und gucken. Boote, die uns zeigten wie´s ging, oder auch wie es nicht ging, gab es auf der Dordogne ja genug. Drei Boote tanzten durch die Schnellen, zwei wurden, kieloben treibend, mit einem Wurfsack von den Guides wieder rausgefischt.

Sehr beeindruckend. Das war wirklich ein wildes Wildwasser. Nachdem wir das Spektakel ausgiebig bestaunt und noch der ein oder anderen Kenterung beigewohnt hatten, beschlossen wir den vorgeschlagenen einfacheren Weg links der Insel zu nehmen. Von einfach konnte man auch hier nicht sprechen, denn auch hier standen stehende Wellen und das Gefälle war ansehnlich, aber dafür gab es weder verblockte Stellen noch scharfe Kurven. Und so meisterten wir stolz unsere erste Wildwasserpassage, ohne baden zu gehen. Was war das lustig! Und so vergnüglich ging es den ganzen Tag weiter. Es folgte eine Stufe nach der nächsten, mal spektakulärer, mal weniger aufregend. Schnell hatte ich raus, anhand der Wasserpflanzen die Hauptströmung zu erkennen. Und so manövrierten wir den Vuoksa ohne größere Schäden den Fluss hinab. Mittags gab´s ne kurze Pause im Schatten, doch die Verpflegung war sehr spartanisch. Schon vor Beaulieu hatte ich dann einen Bärenhunger.

Nach einer wirklich wilden Stufe, wo Spielboote sich in den Schnellen vergnügten, kam die Stadt endlich in Sicht. Doch statt etwas zu essen gab es unsinnige Anlegemanöver rückwärts mit dem Strom. Zielsicher suchte André sich die steilste und brombeerbewachsenste Stelle zum Anlegen. Bald darauf verkündete er, das es statt eines verfallenen Wehrs jetzt eine fahrbare Bootsrutsche gab. Gut. Als der Campingplatz danach aber immer noch nicht auftauchte, und der Smutje vorne, hungrig wie er war, immer unwilliger wurde, begab André sich auf einen weiteren Erkundungsgang. Dann, endlich, ich stand wirklich kurz vor dem Hungertod, tauchte der Camping Municipal du Pont auf. Doch auch hier gab es nichts zu essen. Also schnell das Zelt aufstellen, Sachen verstauen und weiter nach Beaulieu rein. Was für ein nettes Städtchen! Enge gassen, Sandsteinhäuser, riesige, bewachsene Mauern aus unbehauenen Feldsteinen – so schön. Leider gab es auch hier nichts zu essen.

Als wir nach vielen schönen Gassen am Marktplatz angekommen waren und ein geöffnetes Restaurant angesteuert hatten, teilte man uns mit: essen erst ab 19 Uhr! Was sollte das? Ich hatte jetzt Hunger, und zwar gewaltigen. Da konnte ich doch nicht noch eine ganze Stunde warten! Verdammte Sauerei!
Völlig unbeeindruckt von meinem bevorstehenden Hungertod brachte der Garcon André seine Cola. Und sonst gar nichts. Hmm. Ein stück weiter die Strasse runter gab es einen Gemüseladen, der mit Keksen und leckeren, kleinen Ziegenkäschen, Cabecou genannt, die Situation rettete. Schattig, auf den Stufen einer geschlossenen  Boulangerie sitzend, schmausten wir vor uns hin. Mit etwas gefülltem Magen entschlossen wir uns die gegenüberliegende Kirche St. Pierre (eine Wallfahrtskirche, die auf dem Jakobsweg liegt. Zufall?) zu besichtigen, die innen genauso schön schlicht war wie außen und uns sehr zusagte.

Kurz vor 8 fanden wir uns dann in einer Seitengasse mit Blick auf den Glockenturm im Restaurant „La Passage“ wieder. Hier entdeckten wir endlich die französiche Küche, und ich muss sagen: man schwärmt zu Recht davon. Zur Vorspeise überbackene Ziegenkäse mit Salat, dann eine in der Dordogne heimische Schollenart. Sehr köstlich. So habe ich mir das Leben in Südfrankreich vorgestellt. André wollte stattdesen lieber ein handfestes Steak. Doch Steak ist nicht gleich Steak. Seines entpuppte sich als Fisch, mit dem er nichts anzufangen wusste und von dem er den halben Teller stehen ließ. Neidisch schielte er auf die Nachbartische, wo genau solche Steaks serviert wurden, wie er gern gehabt hätte. Jaja, die französiche Sprache. Er nahm es gelassen.


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Montag, 7.8.2006

»Beaulieu - Carrenac

Zum Frühstück Cantaloup- Melone, die wir vorsorglich noch im Gemüseladen erschwungen hatten, dann geht es auf ein Neues nach Beaulieu. Wir brauchen mal eine Boulangerie die offen hat, einen Supermarkt und bergeweise Lebensmittel. Nach erfolgreicher Einkaufstour verstauen wir alles im Boot, bevor wir den Vuoksa wieder schwimmen lassen. Unterwegs treffen wir ständig die gleichen Holländer mit dem Kilometertick. Ständig fragen sie uns, wie viele wir schon gefahren sind, wie viel wir durchschnittlich so fahren und wie viel wir noch zu fahren gedenken. Ziemlich gestört.

Doch abends geben sie uns eine schwerere Nuss zu knacken: „Was ist eure Bestimmung?“. Häh? Was unsere Bestimmung ist? Selbst wenn wir darauf eine Antwort parat hätten, wir sagten es euch nicht. Der nächste Campingplath ist in 3km, das ist eure Bestimmung, und nun haut ab. Das hier ist unsere Insel. Unsere ganz allein! Und wir sind nicht willig sie mit euch zu teilen. Letzteres sagten wir natürlich nicht, doch die beiden zogen trotzdem weiter. So konnte ich ungestört baden und unser Zelt ist jetzt, wo die Sonne gerade hinter den Bergen versinkt, noch immer das einzige an diesem idyllischen Ort mitten in der Dordogne. Schatz, was ist eigentlich deine Bestimmung?

Heut war die Dordogne nicht mehr ganz so wild wie gestern, aber immer noch mit reichlich Kiesbankschwällen versehen. Das sorgt für Abwechslung. Obwohl es auch sonst nichtmal im Ansatz langweilig ist. Die Berge kommen mal dicht ans Ufer, dann weichen sie wieder weit zurück. Sie kommen und gehen, wie die Kühe am Ufer. Wir lassen uns durch den Sommer treiben und genießen das Leben. Es ist einfach nur schön. Aber Schatz, jetzt sag doch mal, was ist nun deine Bestimmung?


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Dienstag, 8.8.2006

»Carrenac – Gluges

„Ich pflüge! Ich Pflüge!“ Diese Begeisterung Andrés gilt nicht etwa der Landwirtschaft, sondern einem neu entdecktem Spiel. Man kann ihm überall dort frönen, wo die Dordogne stark strömt. Also fast überall. Dazu setzt man sich im knietiefen Wasser auf sein Hinterteil, die gestreckten Beine zeigen stromab, Arme ausstrecken und treiben lassen. Dabei hopst das Hinterteil über die großen runden Steine und „pflügt“ das Flussbett. Da dabei aber auch der ein oder andere Wurm in der Badehose landet, ist die Begeisterung fürs pflügen allerdings nicht bei allen Reiseteilnehmern gleich groß.

Noch besser pflügt es sich übrigens mit Schwimmweste. Doch bevor André das Pflügen entdeckte, waren wir noch in Carrenac. Nachdem uns die Sonne nach einer ruhigen aber harten Nacht aus dem Zelt vertrieben hatte, beschlossen wir, flussauf zurück nach Carrenac zu fahren, was wir gestern hatten links liegen lassen. Und das war gar nicht so einfach. Mit dem Strom fahren ist leicht, um dagegen anzukämpfen muss man mitunter aussteigen und das Boot treideln. Aber nach fast einer Stunde hatten wir die Bootsrutsche, wo gestern die Holländer mit dem Kilometertick raus gekommen sind erreicht. Von dort wollte André zu Fuß in den Ort, einer sollte beim Boot bleiben (wozu?), doch es stellte sich heraus, das wir immer noch auf einer Insel waren. Also haben wir den Vuoksa die Bootsrutsche hoch gezerrt und sind über den Teich zu Füßen des Klosters Carrenac angelandet. Da André das Boot noch immer nicht allein lassen wollte, was zu deutlichen Verstimmungen beim Rest der Mannschaft führte, ging er erstmal alleine los.

Aber Städte besichtigt man zusammen, sonst kann man ja auch gar nicht einkehren. Als ich dann endlich dran war Kloster und dazugehöriges Städtchen zu besichtigen, hatte die Boulangerie bereits geschlossen. Den ganzen Tag sollte mir ein Pain au Chocolat vorenthalten bleiben. Aber das auf einer Anhöhe gelegene Kloster und der mittelalterliche Ort waren so schön, dass ich schon bald wieder mit der Welt versöhnt war. André hatte sich jetzt doch entschlossen, den Vuoksa sich selbst zu überlassen und mit den Paddeln in der Hand kam er mir auf der Dorfstrasse entgegen. Gemeinsam kehrten wir in der ortsansässigen Creperie ein.

Ein Menü de Jour verweigerte man uns ein weiteres Mal. Diesmal mit der Begründung, wir wären zu spät. Zu früh, zu spät – den Franzosen kann man es einfach nie recht machen. Es war kurz nach 13 Uhr und nach dem Empfinden meines Magens durchaus noch Mittagszeit. Doch es scheint erklärtes Ziel der Franzosen zu sein, unwissende Touristen auszuhungern. Salat mit Käseplatte bzw. Omelette bekamen wir dann aber doch noch. Geht doch. Wir sind ja mit wenig zufrieden. Erst nach ausgiebigem Studium des französischen Schlagers, der von der Bedienung sogar mitgesungen wurde, zogen wir ein Stündchen später wieder davon. Unser Boot war natürlich noch da (Wer sollte es auch nehmen?). Weit sind wir dann trotzdem nicht mehr gekommen. Eine der nächsten Inseln war unsere. Bald schwammen wir im Wasser, wärmten uns auf den Steinen in der Sonne liegend.

Erst am späten Nachmittag ließen wir uns vom Fluss wieder mitnehmen, der bald darauf mit einem weiterem Highlight aufwartete: bis ins Wasser reichende, zum Teil unterspülte Felswände, steil aufragend und ewig hoch. Ehrfurchtsvoll paddelten wir zu ihren Füßen entlang, und selbst vom Campingplatz aus, auf dem wir die Nacht verbringen wollten, hatte man prima Sicht auf die Felswände. Einen Großteil des Canyons heben wir uns für morgen auf, dann liegt er im Sonnenschein. Und eine Höhle soll es geben, wo man mit dem Boot reinfahren kann. Prima.


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Mittwoch, 9.8.2006

»Gulges –Meyronne - Belcastel

Kein pain au chocolat! Dabei war das DER Grund, diesen Campingplatz überhaupt anzusteuern. Der war zwar idyllisch gelegen aber nicht ruhig. Die ganze Nacht sind LKW´s auf der gegenüberliegenden N140 Richtung Süden gebrettert. Und dann gibt’s nichtmal pain au Chocolat. Das ist gemein. Und doppelt gemein, wenn man sich so drauf gefreut hat wie ich… Dieser Tag, der eindeutig schwach anfing, plätscherte im weiteren Verlauf so vor sich hin, und ist jetzt, zum Abend, doch noch wunderschön geworden.

Nach einem missmutigen Aufbruch haben wir den nächsten Ort angesteuert, wo es natürlich auch keine Boulangerie gab, dafür wieder schöne alte Häuser. Hier ist ein Ort schöner als der vorige. Auf dem Campingplatz Creyesse haben wir dann das Frühstück nachgeholt. Und erstaunlicherweise waren die Croissants, die gab es ja immerhin, richtig lecker und hatten nichts mit dem Zeugs gemein, was bei uns in Deutschland unter dem Namen verkauft wird. Der nächste größere Ort war Meyronne, der auch sehr schön und auch ohne eine Möglichkeit Nahrung zu erwerben war. Langsam aber sicher habe ich diese französischen Orte satt.

Die sind zwar schön anzusehen, aber angucken hilft nicht gegen Hunger. Ich wünschte mir einen schönen deutschen Ort mit richtigem Supermarkt. Auf der anderen Seite des Flusses lag St. Suzy, wo es immerhin eine riesige Lagerhalle mit Foie Gras gab. Und weiter gar nichts. Schade wenn man aus Tierschutzgründen keine Stopfleberpastete essen will. Nach einer weiteren halben Stunde laufen in der Mittagshitze habe ich am Marktplatz von St. Suzy dann doch noch ein Lädchen entdecken können, das angeblich um 16 Uhr öffnen würde. Das war doch was. Also bin ich zurück zum André, der mittlerweile die Schwimmweste getestet hatte.

Dann haben wir auf die andere Seite zum Campingplatz übergesetzt und gewartet, dass es 16 Uhr wird. Um uns die Zeit zu vertreiben haben wir uns am Swimmingpool ein köstliches Sorbe gegönnt. Kurz vor 4 ist André dann losgezogen. Und wen trifft er im Laden, vor dem sich, wie könnte es anders sein, bereits eine lange Schlange gebildet hat? Einen von unseren Holländern. Entweder sie haben ihre Bestimmung in St. Suzy gefunden, oder sie standen ebenfalls kurz vor dem Hungertod und konnten deshalb ihren Kilometerschnitt, der ihnen doch so wichtig scheint, nicht einhalten. Man weiß es nicht.

Da André sich noch immer nicht sicher war, was denn nun seine Bestimmung ist, wollte er sich lieber nicht in ein weiteres Gespräch mit unangenehmen Fragen verwickeln lassen. Mit Obst und Gemüse ausgerüstet sind wir dann endlich wieder in See gestochen, mal von Wald und mal von Felsen begleitet. Hinter Belcastel, die passende Insel mit dem empfohlenen Zeltplatz konnten wir leider nicht ausmachen, fiel wieder eine unterspülte Felswand steil in den Fluss hinab. Aus Neugier spähten wir in die Felsöffnungen. Eigentlich suchten wir ein kleines Flüsschen, welches man rauf fahren und dann in eine Höhle rein fahren konnten.

Doch plötzlich ging es rein in den Fels und anders als wir erwartet hatten, war vom Wasser weder ein Hinweis noch ein Menschenauflauf zu sehen. Ganz allein verschwand unser Boot plötzlich in der Felswand. Kalt war es in der Höhle. Eisiges Wasser kam uns aus dem Berg entgegen geflossen, aber Meter für Meter schoben wir uns über den flachen Untergrund voran. Nach 20m bog die Höhle nach rechts ab, und hier fiel gar kein Licht mehr herein. Huh. Mit Stirnlampe auf dem Kopf schoben wir uns weiter, bis es für unser Boot zu flach und für mich zu unheimlich wurde. Grabeskalt und totenstill war es hier.

Nur ab und zu tropfte es geräuschvoll von der Decke. Schaurig schön ist so was. Als wir uns dem Ausgang näherten, wurde es gleich wieder deutlich wärmer und zurück auf der Dordogne grüßte uns die Sonne. Ein Stück flußab haben wir dann einen wunderschönen, einsamen Platz für unser Zelt gefunden. Eine Kiesbank, gerade breit genug fürs zelt. Am Ufer gegenüber steil aufragender Fels aus Sandstein mit Höhlen und spielenden Vögeln. Außer springenden Fischen, zirpenden Grillen und zwitschernden Vögeln hört man hier gar nichts. Ein sehr idyllischer Ort.

Mittlerweile ist der CousCous gegessen, die Sonne längst hinter dem Berg verschwunden und wir werden auch bald in die Schlafsäcke kriechen. Gegenüber liegt ein Block im Wasser, der sieht aus wie ein Eisberg. Ob der bis morgen früh weg geschmolzen ist? Die orangen Stellen im Fels sehen auch jetzt noch so aus, als würden sie in der Sonne glühen. Ein schöner friedlicher Abend.


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Donnerstag, 10.8.2006

»Belcastel – Souillac – Perrilac

Heut früh hat uns der Klopfe- Vogel geweckt. Um sicher zu gehen, das es nicht unsere Bootshaut ist, auf der er da herum klopft, bin ich mal schnell vors zelt gesprungen. Meine Halsschmerzen von gestern Abend haben sich zu einem verschleimten Hals weiterentwickelt. Wolln doch hoffen, das ich nicht in frühkindliche Muster zurück falle und alljährlich zur Ferienzeit eine Angina kriege? Ich dachte, das hätte ich seit 20 Jahren überwunden? Aber solange ich kein Fieber hab, wird das einfach ignoriert. Noch ist´s früh am morgen, doch gleich brechen wir auf nach Souillac. Ein größerer Ort, der uns auf eine Boulangerie hoffen lässt. Vorausgesetzt, André kehrt bald von seinem geheimen Ort zurück. Was im Morgengrauen ein meditativer Ort ist, verwandelt sich am Vormittag in einen Schauplatz illustren Treibens.

Wie auf Kommando tauchen Horden von Plastebootfahrern auf, um unseren ruhigen Strand und die Unterspülung gegenüber mit lautem Gekreisch und einem verbissen ausgeführtem Wettbewerb im falsch singen zu entweihen. Je unempfindlicher der Boden des Bootes, desto lauter das Gekreisch der Insassen. Es scheint da einen direkten Zusammenhang zu geben. Aber da die Franzosen ja an und für sich ein fröhliches Volk sind und auch wir keine Miesepeter, haben wir uns ihnen angeschlossen, und sind, mal wieder auf der Suche nach einer Boulangerie, zum nächsten Ort gefahren. Die Suche sollte genauso erfolglos bleiben wie am Vortag.

Den ganzen Vormittag begleiteten uns unterspülte Felswände, nachmittags kamen wir dann in Souillac an. Ein Ort, der fast die Bezeichnung „Stadt“ verdient. Außer einem Lebensmittelladen gab es 4 Herrenfriseure, 8 Direktverkäufe für Foie Grasse und immerhin einen geöffnete Boulangerie. Jetzt haben wir soviel pain au chocolat und Croissants, dass das auch noch Morgen zum Frühstück reicht.

Und natürlich haben wir unsere beiden Holländer auf der Suche nach ihrer Bestimmung wieder gefunden. Da sie selber eine ziemlich dürftigen Kilometerschnitt fahren (und im Gegensatz zu uns interessieren sie sich dafür), wollten sie sich heute mal darüber unterhalten, wie schwer ihr Boot doch ist. Und welche Mühe es macht, das Ding jeden Abend auf den Campingplatz zu hieven. So wissen wir, dass sie trotzdem Helden sind, auch wenn sie nie weiter zu kommen scheinen als wir. Wir, die wir jeden Kilometer ganz bewusst genießen und uns oft treiben lassen, um die wunderschöne Landschaft und die Sommerstimmung um uns herum mit jeder Faser aufzunehmen, während sie immer nur lustlos ihre Stechpaddel durchs Wasser rühren. Aber dafür sind die beiden eben Helden und wir nur Sommerfrischler. So ist das. Es kann nicht jeder ein Held sein.

Die Hauptattraktion des Tages bleibt der Lebensmittelladen, der uns für die nächsten 5 Tage unabhängig von der willkürlichen Lebensmittelversorgung der Franzosen macht. Für die byzantinische Kirche mit Ihren 3 Kuppeln und den Kirchvorplatz mit Springbrunnen und Cafés hatte ich, mit schweren Einkaufstaschen beladen, nur einen Seitenblick übrig. Nachdem auch das zweite Insellabyrinth heute keine brauchbaren Zeltplätze anzubieten hatte, haben wir uns für eine kleine Terrasse unterhalb einer Pappelpflanzung entschieden. Die ist so abschüssig, das ich mir heut Nacht wahrscheinlich die Nase an der Zeltwand platt drücken werde. Aber schön. Gegenüber wird grad noch der Mais gewässert und das letzte Abendrot verschwindet hinter den sanft geschwungenen Hügeln des Perigord. Heut sind wir nämlich vom Quercy ins Perigod gewechselt.


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Freitag, 11.8.2006

»Perrilac – Dommé

Jemand hat den Sack geöffnet! Wie auf Kommando tauchen gerade die ersten sich bespritzenden Franzosen in ihren Plastebooten auf. Ich sitze noch immer gemütlich beim Frühstück, auf unserem schönen schattigen Plateau unter Pappeln, mit Blick auf den Fluß. André ist schonewig an geheime Orte verschwunden. Obwohl wir wild gecampt haben, war das Frühstück heute allererste Sahne: Pain au chocolat, Croissants, Brot und Käse (diesmal Rocamadur, etwas milderer Ziegenkäse als der Cabecou), Kakao und so ein leckerer kleiner Nachtisch, den ich gestern aus dem Supermarkt angeschleppt habe. Sehr schön. Heute ganz früh, als ich baden war, hat der Fluss gedampft, genauso wie ich, wie ich da blitzblank in der Morgensonne stand. Danach habe ich mich aber doch noch einmal an den André in den Schlafsack gekuschelt. André sieht morgens immer ganz zerknautscht aus, wie ein kleiner Hundewelpe.

Wo bleibt er eigentlich? Sucht er Schätze an seinen geheimen Orten? Nachdem wir recht spät losgekommen sind, flogen die Kilometer nur so dahin, als wir erstmal unterwegs waren. Mittags sind wir auf ein Schläfchen auf einer Kiesbank angelandet. Und da es bei dem beständigen Westwind zur Zeit auch im Sonnenschein recht frisch sein kann, wollt ich mir keine nassen Füße holen, um wieder ins Boot zu kommen. Der André musste mich hintragen, was ziemlich lustig war. Ich hing wie ein Äffchen an seinem Hals geklammert und er ist dann mit seiner last durchs Wasser gestolpert. Kurz vor dem Zusammenbrechen hat er mich dann unter Gelächter auf dem Boot abgeschüttelt. Nach der Mittagsrast sind wir fleißig weiter bis nach Dommé gepaddelt. Der Plan war, dort auf einem Campingplatz zu schlafen und abends essen zu gehen. Doch je näher wir dem Ort kamen, desto voller waren die Campingplätze und die dazugehörigen Strände. Man hatte fast den Eindruck, ganz Frankreich macht zurzeit an diesem Abschnitt der Dordogne Ferien.

Der erste Campingplatz bei Dommé war ziemlich ernüchternd. Zwischen Bundesstraße und Straßenbrücke gelegen machte er einen wenig verlockenden Eindruck. Der zweite schien noch schlimmer, ich bin lieber gar nicht erst ausgestiegen. Ich hatte mir vorgenommen nicht zu nörgeln, denn bei unserem immer -abwechseln- Prinzip war heute Abend ein Campingplatz fällig. Doch auszusteigen und dieses offensichtliche Auto- Inferno zu besichtigen war zu viel verlangt. Selbst André, der die Ortsbegehung vorgenommen hatte, fand es hier so schrecklich, dass er lieber auf sein Steak verzichten und weiter fahren wollte. Doch dazu brauchten wir noch Trinkwasser, und als wir am anderen Ende anlegten, fand André es dort gar nicht mehr sooooo schrecklich. So blieben wir. Nach einer Dusche machten wir uns an den Aufstieg nach Dommé, welches ja ein Felsendorf hoch über dem Fluss ist. Nach 30 Paddelkilometern und einem entsprechend großem Loch im Bauch kam uns der Anstieg endlos vor. Oben angekommen gab es zwar einen herrlichen Blick über das Tal, aber ansonsten nicht viel.

Nur alte Steine, alte Häuser, alte Bäume. Nur nichts zu essen. Als nach ein paar hundert Metern ein Restaurant auftauchte, stürzten wir kurz vor dem verhungern sofort hinein. Die Vorspeise war noch ganz o.k.. Die Ernüchterung kam dann mit dem Hauptgang. Hähnchen und Pommes! Da waren wir wohl mit traumwandlerischer Sicherheit in eine Touristenfalle getappt. Das war jedenfalls nicht die berühmte französische Küche, deretwegen wir einen lauten Campingplatz und einen entbehrungsreichen Aufstieg in Kauf genommen hatten. Später, mit gefülltem Magen in Spazierlaune, mussten wir bei der weiteren Ortserkundung feststellen, dass es noch viele andere, anheimelnde Restaurants gegeben hätte. Sicher auch welche mit richtiger französischer Küche. Na ja, Pech gehabt.


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Samstag, 12.8.2006

»Dommé – Alles les Mines

Die geschlossene dunkle Wolkendecke hängt tief und verbreitet melancholische Stimmung. Über Nacht scheint es Herbst geworden. Vom Autolärm aus dem Schlaf gerissen begebe ich mich nach Cenak, auf die Suche nach einer Boulangerie. Brötchen bestellen konnte man auf diesem Campingplatz nicht. Aus Cenak zurück hatte sich der Himel noch weiter verdüstert und der André war verschwunden. Also habe ich schnell das Zelt abgebaut, bevor es noch nass wird.

Zusammen mit dem frisch geduschten und rasierten André, der zwischenzeitlich eintrudelte, haben wir das Boot ins Wasser getragen, und schon fielen die ersten Tropfen. Es sollten für heut auch die letzten sein. Unter nem Baum gabs Pain au chocolat und Croissants, dann stachen wir unter einem grauen Himmel, der zögerlich aufriss, in See. Der nachdenklichen Stimmung des Tages angepasst paddelten wir bedächtig vor uns hin, ließen und immer wieder treiben. In La Roque Gageac mussten wir feststellen, das Herr Schulze, der Verfasser unseres Reiseführers, heute ausnahmsweise mal recht hatte:

La Roque war wirklich ein schönes Städtchen und es war wirklich durch Unmengen von Autos und Massen von Touristen entstellt. Wir beguckten es nur vom Wasser aus, bevor wir uns weiter treiben ließen. 2km weiter landeten wir in Castelnaud. Dort sollte man laut unserem Schulze prima einkaufen können. Und da gegen Ziegenkäse und Würstchen eigentlich nie etwas einzuwenden ist, legten wir folgsam an. Statt Käse brachte der André dann leckere Törtchen mit Himbeeren, sehr köstlich und sehr fein. Das war schon eher die viel gelobte französische Küche.

Ich war ziemlich schläfrig und wollte eigentlich weiter, um ein Mittagsschlafinselchen aufzutreiben. Doch dem André wars heut mal nach Kultur, er wollte die Burg erklimmen und Castelnaud mit seinen mittelalterlich Rüstungen, Waffen und Steinschleudern besichtigen. Was er dann auch tat. Da es auf der Wiese sehr windig und ungemütlich war, habe ich mich für ein Schläfchen aufs Boot verzogen. Unter Deck, hinten auf Andrés Platz, da konnte man sich gemütlich ausstrecken. Hier war es auch schön warm. Gestört lediglich von fotografierenden Franzosen (Was, bitte, ist an einem Schlafenden Menschen in einem Boot so außergewöhnlich??) wartete ich vor mich hin dösend auf Andrés Rückkehr. Der kam irgendwann und brachte gleich noch mal Törtchen mit. Ein paar Kilometer flußab, gegenüber des nächsten Schlosses (Beynac) verspeisten wir sie. Köstlich! Heut war eindeutig ein Törtchen- Tag.

Jetzt, am Spätnachmittag, liegen wir auf einer Insel herum, die ebenfalls mit Schlossblick ausgestattet ist. Dieses trägt den klingenden Namen Chateau de Milandes. Aber alles in allem sind Törtchen besser als Schlösschen. Eigentlich hatten wir diese Insel schon zum übernachten auserkoren, aber Franzosen haben uns den besten Zeltplatz vor der Nase weggeschnappt. Zum Zeltaufbauen war es noch zu früh, doch die Franzosen waren anderer Meinung und entschieden sich dann nicht für die Insel sondern für die Wiese gegenüber.

Da ist aber ein Hochseilpark, und der zeternde Besitzer will sie auf seiner Wiese ganz offensichtlich nicht haben. Da André von diesem Geschrei sichtlich beeindruckt ist, werden wohl auch wir noch eine Insel weiter fahren. Aber nicht gleich. Erst noch etwas in der Sonne dösen, bevor sie sich wieder hinter dicken Wolken versteckt. So wie jetzt. Mist.


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Sonntag, 13.08.2006

»Alles les Mines – Limieul

Sonntag ist der Tag des Herren. Am Sonntag sollst du ruhen, und keine Arbeit tun. Beides wurde uns jedoch schon am frühen Morgen vereitelt. In den Morgenstunden haben irgendwelche Autocamper am Ufer gegenüber Hottentottenmusik angeworfen, so dass man kein Auge mehr zumachen konnte. Und als es endlich hell und wieder ruhig war, wollte André nicht dulden, dass ich mich noch länger im Schlafsack zusammen rolle. In Zusammenarbeit mit der Sonne hat er alles versucht, mich aus dem Zelt zu locken.

Man hat es schon nicht leicht. Zumal André die ganze zeit fremdging und mit Auguste schäkerte. Auguste ist unsere Zeltgans. Schon am Abend ist sie wie zufällig immer um unser Zelt herum gestrichen. Hat hier an einem Grashalm gezupft und da an einem jungen Pappelblättchen geknabbert. Und ist um den André herum scharwenzelt. Und so ging das heut morgen gleich weiter. Die beiden scheinen ganz vernarrt ineinander. Ständig haben die beiden wie zufällig in der Nähe des anderen zu tun, umkreisen einander, Auguste muss immer gerade da nach Futter suchen, wo kurz davor der André stand.

Und der lässt wie zufällig Müsli fallen. Süß die beiden. Als die Sonne das Zelt, das vom abendlichen Regenschauer und der Nacht recht feucht war, endlich getrocknet hat, sind die beiden Freunde geworden. Auguste probiert schon mal den Platz der Galionsfigur vorne am Bug und André philosophiert, dass so eine Begleitgans doch eigentlich eine tolle Sache wäre. Als wir ablegen entscheidet sich Auguste dann doch, auf ihrer Insel wohnen zu bleiben. So mussten wir doch alleine Limieul entgegen fahren, unter einem zunehmend grauer werdenden Himmel.

Heut stehn kaum noch Schlösser am Rand, nur hin und wider ein Bauernhaus, eine Brücke, ein Feld. Träge paddeln wir dahin, landen gegen Mittag an einer der immer seltener werdenden Kiesbänke an und bedauern, dass das Wasser immer wärmer und algenreichen wird. Nur noch schlammiger Untergrund, zum Pflügen nicht geeignet. Als wir wieder einsteigen, beginnt es zu regnen. Beleidigt ziehe ich die Spritzdecke bis über die Schultern hoch, setze mir den Lukendeckel auf den Kopf und wettere ab. So nicht, Freunde! Wir haben Ferien, und da soll gefälligst auch die Sonne scheinen. Sonst paddele ich keinen Handschlag mehr.

Der Schauer ist bald vorbei und die restlichen 5km legen wir, immer wieder von Sinnestäuschungen verfolgt, flott zurück. Wir glauben tatsächlich immer noch Plasteboote zu sehen und zu hören. Aber da Herr Schulze uns ja glaubhaft versichert hat, dass die Verleiher ihre Boote alle schon oberhalb einsammeln, erliegen wir hier ganz offensichtlich der französischen Form einer Fata Morgana. Dabei ist es gar nicht so heiß. Aber in Frankreich ist sowieso alles anders, so dass eine Fata Morgana nach einem Regenguss nichts ist, was uns ernsthaft zu denken gibt. Limieul ist ein schöner Ort. Am Zusammenfluss der Dordogne und der Vezere an einem Hang gelegen, schaut es zu uns auf den Campingplatz herüber. Nachdem wir unser Zelt aufgestellt und gewissenhaft den „wie-trenne-ich-meinen-Müll-Richtig“- Prospekt gelesen haben, entdecken wir in selbigem, das sonntags in Limeuil Petit Marche sein soll. So streben wir über die Brücke dem Ort entgegen. Der Markt war entweder schon vorbei, oder er besteht regulär nur aus ein paar geöffneten Straßenläden. Wir werden es wohl nie erfahren. Nachdem André sich begeistert durch ein Sortiment mit Walnuss- Brotaufstrichen gekostet hat entscheidet er sich für eine mit Café- Note. Ich persönlich finde, die Franzosen sollten statt Walnüssen überall lieber Feigen pflanzen und verweigere die Verkostung. Während André immer wieder an seiner Beute nascht laufen wir die engen Gassen hinauf, um zu erkunden, ob der Marché sich nicht vielleicht doch noch irgendwo versteckt. Das tut er aber nicht, wir finden nur ein verstecktes Restaurant, in das der André mich am liebsten sofort eingeladen hätte. Damit jedoch der Akt der Nahrungsaufnahme nicht ins Profane abrutscht, entscheide ich unbarmherzig, dass vorher noch etwas flaniert wird. „Flanieren?“ – Na, wenn’s denn sein muss. Der André schiebt sich seinen Hut tief ins Gesicht, lehnt den Oberkörper nach hinten, schwingt die Arme in der Gegend herum und behauptet stolz, er würde ja schon flanieren so gut er eben könne. Lachend schiebe ich meinen Flaneur den Berg hoch, durch enge Gässchen bis zur Stadtmauer und Kirche. Dann gebe auch ich das flanieren auf, beuge mich meinen Schicksal und folge willig ins Restaurant. Scheinbar sind noch mehr Leute fündig geworden, so das wir eine der letzten nicht reservierten Tische besetzen und genüsslich Paprika provencialische Art, Lachs und zum Nachtisch Creme Bruleé speisen. Wir haben eindeutig mal wieder eins der besten Restaurants gefunden. Satt und zufrieden schlendern wir zurück zum Zelt.


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Montag, 14.08.2006

»zu Fuß - Limeuil – Le Bugue - Limeuil

„Die Fische! Die Fische! Jetzt komm doch endlich, wir wollen zu den Fischen!“ – nichts war mit gemütlich auf der Wiese in der zurückgekehrten Sonne liegen. André konnte es kaum erwarten, nach Le Bugue zu wandern und dort das Aquarium zu besuchen. Am besten sofort. Also verließen wir unseren Campingplatz heut mal zu Fuß, wanderten das Dorf hinauf, verließen es durch das oberste der 5 Stadttore und zogen auf der Landstraße Le Bugue entgegen. Herr Schulze sprach etwas von 6km. Das war ja wohl nicht weit.

Nach cirka einem Kilometer zweigte von der gänzlich unbefahrenen Landstraße ein Weg nach links ab. Der André stutze kurz, denn eigentlich mussten wir laut Karte geradeaus. Doch hier stand GR 6 dran, und der GR 6, das war unser Weg. Es ging durch lichten Eichenwald, der später in Kastanienwälder überging. Schmetterlinge flogen umher und die Sonne malte flimmernde Schatten auf den Weg. Braucht der Mensch mehr zum Glücklich sein? Nur dem André, dem wollte die Geschichte gar nicht gefallen. Der Weg ging gar nicht dort entlang, wo er seiner Meinung nach sein sollte. Immer schneller stürmte er voraus, um des Rätsels Lösung zu ergründen.

Vielleicht ließ sich ja hinter der nächsten Ecke doch ein Anhaltspunkt ausmachen. Doch dem war nicht so, und dann wurde es ihm zu bunt. Er jedenfalls würde jetzt nach rechts abbiegen, wer konnte schon wissen wo dieser Weg hinführte. Und Überhaupt. Herr Schulze hat doch keine Ahnung. Der war wahrscheinlich nie hier! Mir war das ganz piepegal, ich wollte nur ein bisschen in Ruhe wandern. Und es wandert sich in die eine Richtung grad so gut wie in die andere. Also zogen wir unter Andrés Führung weiter durch Kastanienwälder. Ab und zu passierten wir ein einsames Gehöft. Und plötzlich standen wir an der Bundesstraße.

André meinte nach rechts, bis er an einem Poller feststellte, dass es sich hier offensichtlich um die N31 handelt. Also doch lieber nach links. Und so machten wir den Kreis, den wir da gelaufen waren, komplett. André, der Kartenleser! Ein Stück später zweigten wir wieder auf einen Waldweg ab, der diesmal steil bergauf ging. Aber Le Bugue lag doch an der Vezere, im Tal? Mittlerweile waren wir bestimmt schon 10km gelaufen. Die Sonne hatte ihren Höchststand erreicht und brannte erbarmungslos auf uns hinab. Als wir den Berg ganz herauf geschnauft waren, treffen wir oben auf einen Wanderweg. Auf welchen wohl? Genau, der GR6. Er ging also doch nach Le Bugue! Hab ich’s nicht gewusst? André, den das schlechte Gewissen biss, versprach mir Fässer voller Brause. Wenn wir nur erst in Le Bugue wären. Und das waren wir dann auch bald. In einem Salon de Thé mit angeschlossener Bäckerei gabs Quiche Lorraine und Brote, dazu Saft und Cola. So war das schon besser. Nachdem wir uns ausgiebig erholt hatten begaben wir uns wieder auf die Suche nach dem Aquarium.

Es war am Ortsausgang. Riesige Fische gab es hier. Und das sollten alles Einheimische sein, die da unter dem Vuoksa daher schwimmen? Das war ja fast unheimlich. André war zwischen all den Fischen ganz in seinem Element. Die Zeit verging wie im Fluge und irgendwann hatten wir alle 6000 Fische gesehen. Wollten wir noch das Museumsdorf mit Windmühle besichtigen? Ach Nö, für heut haben wir genug gesehen. Schließlich müssen wir ja auch noch zurück wandern. Aber diesmal auf dem GR6. Das taten wir dann auch. Stundenlang. Für den Hinweg hatten wir mit flottem Schritt 3,5h gebraucht. Schätzungsweise 15km. Und scheinbar hatten wir mit Andrés im-Kreis-Gelaufe noch einiges gespart. Denn der GR6 steuerte jedes noch so abgelegene Gehöft an. 6km. Haha! Der Schulze, der kriegt was zu hören. Auf den letzten Kilometern schloss sich uns ein verschmustes Kätzchen an, welches wir ausgiebig kraulten. Daraufhin beschloss es, dass wir es adoptieren sollten. So ausgiebig wurde es wohl noch nie gekrault. Aber Katzen haben Krallen, die könne nicht im Faltboot fahren. Drum waren wir ganz froh, als kurz vor Limeuil ein kleines Mädchen ebenfalls auf den Gedanken kam, das niedliche Kätzchen zu streicheln. Klammheimlich schlichen wir uns davon und begrüßten mit großer Freude das Stadttor. Wieder da! Endlich. Das wurde aber auch Zeit. Wir stolperten das letzte Stück zum Campingplatz, wo es schnell noch Spaghetti gab, bevor wir genauso schnell die Augen zumachten


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Dienstag, 15.08.2006

»Limeuil – Tremolat

Heut hat Tante Mira Geburtstag. Ich bin ganz stolz dass ich daran gedacht habe. Oft genug hat sie sich ja beschwert, dass ich das immer vergesse. Jetzt muss ich sie nur noch wissen lassen, dass es diesmal nicht so ist. André hat zum Frühstück außer Baguette und Croissants 2 rohe Eiere angeschleppt. Er hat tatsächlich geglaubt, sie wären schon gekocht! Lange Zeit saß er davor und hat sie empört und missmutig angestarrt. Dabei sind die Eier bestimmt unschuldig. Jetzt erst kam ihm der Gedanke, dass das Problem mittels Kocher zu lösen wäre.

Mein André! Auf dem Zelt trocknen gerade die letzten Tropfen. Wir liegen in der Sonne im Gras und lassen den Tag langsam angehen. Wir haben beschlossen ein Stück die Vezere hoch zu fahren. So viele Paddeltage haben wir ja gar nicht mehr. Eigentlich nur noch 2. Wohl deshalb stimmt André heute Morgen den Blues an. Sein Urlaub ist ja bald vorbei, während ich nahtlos zum Jakobsweg übergehen werde. Wir brachen also auf, die Vezere hinauf zu fahren. Die Vezere wollte das aber nicht. Wir liefen aufwärts und schleppten unser Boot gegen die Strömung hinter uns her. Das Wasser war zu flach, die Strömung zu stark.

Diesen schönen kleinen Fluss konnte man höchstens abwärts fahren. Aber einen der Bootsverleiher fragen, ob er unser Boot mit hoch nimmt, durfte ich ja nicht (warum auch immer). So blieb uns denn nach gerade mal 2km nichts anderes übrig als umzudrehen. Nachdem wir eine Stunde resigniert auf einer Sandbank verharrt hatten, fuhren wir flott flußab. Was wirklich gut ging. Als wir am schönen Örtchen Limeuil vorbei kamen, erzählten wir uns gegenseitig, was es dort so alles geben sollte. Man hört ja so einiges. Und fuhren grad dran vorbei die Dordogne hinab, Bergerac entgegen.

Bevor die Dordogne später aufgestaut und kanalisiert wird, fließt sie hier noch einmal in großen Schleifen um Felsabbrüche herum. Sehr hübsch. Die Sonne wurde leider mehr und mehr von Wolken bedrängt. Doch nichts desto trotz entschlossen wir uns noch einmal zum baden gehen. Jetzt erst recht! Ganz allein waren wir auf diesem Flussabschnitt. Nur 2 Angler dümpelten während unserer ausgedehnten Mittagspause am Horizont herum. Und die Kühe schauten muhend herüber. Sonst kein Mensch weit und breit. Als wir endlich wieder zusammen packten, war es kurz vor 17 Uhr, wie ein naher Kirchturm bald darauf vermeldete.

Die Sonne war hinter einer grauen Wolkendecke verschwunden. Schon hinter der nächsten Brücke (ein Zug! Ein Zug!) hörten wir ein Gewitter grummeln. Bald darauf krachten die ersten Blitze und dicke Tropfen fielen. Irgendwo im Gestrüpp am Ufer legten wir an. Ich zerrte mir schnell die Regenjacke über den Kopf und den Luckendeckel übers Boot. Und dann fing es richtig an. Heftiger Regen, Wind, Blitz und Donner. André hatte nur ein dünnes T-Shirt an, unten trugen wir beide nur Badehosen. Es tropfte und pladderte und wir standen ganz bedröppelt. Mitten im August, mitten in Südfrankreich. So hatten wir uns das aber nicht vorgestellt! Und das an Tante Miras Geburtstag. Als das Gewitter nach einer Stunde weiter zog und noch mehr Regen zurück ließ, überredete ich meinen nassen André, doch wenigstens trockenen Sachen anzuziehen. Und dann weiter zu paddeln. Dabei wurde uns wenigsten wieder warm, auch wenn es ununterbrochen weiter Blasen regnete. Geeignete Zeltplätze waren nirgends zu entdecken. Ein halbwegs tauglich aussehendes Ufer erwies sich als weg, und das nachschauen hatte nur den Effekt, dass jetzt auch Sitz und Rückenlehne nass wurden. Mittlerweile wollte ich nur noch raus aus den klammen Klamotten und rein in den trockenen Schlafsack. Vom ungemütlichen Wetter angetrieben paddelten wir weiter, und als die Brücke von Tremolat in Sicht kam, hörte es endlich zu regnen auf. Als André endlich von der Rezeption zurück war, es kam mir wie eine Ewigkeit vor, die ich da bibbernd im Boot saß, stellten wir schnell vor dem nächsten Schauer das Zelt auf. Und dann nichts wie ab unter die heiße Dusche. Als ich trotz einer regelrechten Heißwasser- Orgie noch immer nicht richtig warm war, verschwand ich auf ein weiteres Stündchen im Schlafsack. Der André versuchte mich immer wieder heraus zu kitzeln, weil ich behauptet habe, er hätte einen Mittel-Po. Aber was soll man machen? André hat einen Norm-Po, einen richtigen Mittel-Po eben. Es kann nicht jeder einen Super-Po haben. Doch damit wollte er sich nicht zufrieden geben. Doch er konnte noch o viel kitzeln, am Po ändert das nichts. Der ist und bleibt ein Mittelpo. Ich versuchte ihn damit zu trösten, dass er ja eine Super- Nase hätte. Als ihn auch das nicht zufrieden stellte, lenkte ich ihn, mit dem Auftrag Zwiebeln zu schneiden ab. Was er unter viel Geheule auch tat. Das Kochen im Vorzelt übernahm ich dann doch lieber selbst. Das erfordert nämlich viel Umsicht. Genau wie das essen im Zelt. Und einem von uns mangelte es trotz Ermahnungen an Umsicht, so dass André mein Schönes Handtuch mit Tomatensoße bekleckerte. Dabei soll das doch noch nach Spanien reisen…

 


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Mittwoch, 16.8.2006

»Tremolat

Die Dame von der Rezeption meinte gestern schon, „Sorry, aber das Wetter bleibt so“. So war es dann auch. Früh war es noch trocken, aber der Himmel so dunkelgrau, das man gar nicht feststellen konnte, ob es wirklich schon Tag war. Und als ich von der Boulangerie aus Tremolat zurückkam, stand André bibbernd vor dem Zelt und flehte um 3€ für den Wäschetrockner. Er ist zwar selbst Schuld, dass seine Hose nass geworden ist, aber das ändert ja nichts daran, das er nur eine hat. Und nass kann er sie ja nicht anziehen. Da es so beschlossene Sache war, den Trockner zu benutzen, spülten wir auch noch die restlichen klammen Klamotten, damit sich die Investition lohnt. Sie lohnte aber nicht. Als wir nach dem Frühstück und einer Runde Carcassonne, die ich natürlich gewann, die trockenen Sachen abholen wollten, waren sie immer noch nass. Dafür hat man also nun so viel Geld bezahlt?

Na toll. Entweder hat jemand die Sachen zu früh raus genommen, André die Maschine falsch eingestellt oder so ein Wäschetrockner taugt sowieso nicht zum Wäsche trocknen. Wir starten gleich einen 2.ten Versuch, um zu ergründen woran es lag. Mittlerweile regnet es sich ein. André blättert lustlos im Schulze und wir haben beschlossen, heut abzuwettern und morgen den Zug nach Bordeaux zu nehmen. Plötzlich ist der Urlaub fast rum, und wir halb auf der Heimreise… Der zweite Versuch mit dem Trockner war nur unwesentlich erfolgreicher als der erste.

Doch mittlerweile ist die Sonne heraus gekommen, noch während André die Wäsche im Trockenraum bewachte (wir wollten sicher gehen, dass sie niemand zu früh rausholt). Ich habe derweil die fetten Campingplatzgänse gefüttert und begonnen den Vuoksa zu wienern. Einige schweißtreibende Stunden später lag er trocken und sauber auf seinem Wägelchen. Und wir, die wir gar nicht mehr sauber waren, trollten uns Richtung Pool davon. Nachdem ich die Handtücher der Anwesenden mit einer Reihe von Arschbomben gründlich durchtränkt und auch André kurz seinen kleinen Zeh ins Wasser gehalten hatte, machten wir uns stadtfein. Und zogen aus, Tremolat zu besichtigen. In der romanischen Kirche aus dem 12. Jahrhundert spielte meditative Entspannungsmusik, was auf angenehme Art die Atmosphäre der Kirche unterstrich. Schön schlicht war sie und nur durch die Fenster fiel buntes Licht. Als wir eine Ewigkeit hier verbracht hatten und Hand in Hand dem Ausgang zustrebten, stimmte die Musik aus dem Off eine feierliche Musik an, so dass wir uns beide wie auf unserer eigenen Hochzeit fühlten. Da keine Trauzeugen zur Hand waren, haben wir dann doch auf eine spontane Eheschließung an Ort und Stelle verzichtet. Und stattdessen den Supermarkt geplündert. Obwohl, soviel trugen wir gar nicht davon, nur Joghurt und etwas Obst. Tomaten wurden abgelehnt, denn heute Abend würde André mich zum essen ausführen. Das jedenfalls war der Plan, denn es war ja unser letzter Abend im Perigord. Bis zur Essenszeit lagen wir noch ein bisschen faul vorm Zelt herum. Eine weitere Runde Carcassonne verlief wieder nicht zu Andrés Zufriedenheit. Und dann war es auch schon zeit wieder aufzubrechen. Es gab eigentlich nur ein Restaurant im Ort, auf das wir zielstrebig zu steuerten. Und dort angekommen, wurden wir genauso zielstrebig von einem beflissenen Kellner abgewiesen. Alles voll! Verwirrt und mit hängenden Köpfen standen wir auf dem Marktplatz herum, bis uns klar wurde, das hier wirklich nichts zu machen war. Das kommt davon, wenn man die Leute zwingt, alle zur gleichen Zeit zu essen. Es bleib uns nichts anderes übrig, als zurück zum Campingplatz zu schlurfen. Mittlerweile war das obligatorische Gewitter aufgezogen. Nach einem abwertenden Blick in die düstere und menschenleere Campingplatzabspeise zurück am Zelt, fielen die ersten dicken Tropfen. Hat hier jemand was gegen uns? Ergeben schälten wir die restlichen Zwiebeln, die wir mit Spargelsuppe und Couscous zu einem sättigendem mahl verarbeiteten. Hauté Cuisine war das zwar nicht, aber besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Mit vollen Bäuchen glitten wir beim monotonen Geräusch des Regens auf dem Zeltdach in Morpheus Reich hinüber. Und damit hätte dieser tag zu Ende sein können. War er aber nicht. Im Nachbarzelt sammelte sich eine lärmende Meute, deren erklärtes Ziel es war, jeden auf diesem Campingplatz, in besonderem Maße aber wohl uns, um den Schlaf zu bringen. Was für ein gemeiner Tag! Zu müde und resigniert, um mich noch über irgendwas aufzuregen, schlich ich mit meiner Zahnbürste durch den dichten Nebel zum Klo. In diesem Augenblick war mir völlig klar, warum ausgerechnet ein Film mit dem Titel „Der Schlächter“ diesen Ort bekannt gemacht hatte.


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Gegen Wehmut hilft Erinnerung!

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Donnerstag, 17.8.2006

»Tremolat – Bordeaux

Heute fahren wir nach Bordeaux. Lassen die Dordogne, auf der wir so viel schöne Tage verbracht haben zurück, um noch ein paar Abenteuer in der großen Stadt zu erleben. Und dann heißt es schon bald Abschied nehmen. Lieber nicht dran denken. Als wir aufwachen ist der Himmel noch grau und unentschlossen, in welche Richtung er seine Farbe ändern soll. Da André sich partout nicht davon überzeugen lassen will, das Wasserpolo- Animation im Pool lustig ist, frühstücken wir ein letztes Mal vorm Zelt mit Blick auf die Dordogne. Müsli und Milchpulver müssen noch alle werden.

Als auch das Zelt verpackt ist, und wir uns feierlich von meiner alten Isomatte verabschiedet haben, haben wir genau drei handliche Gepäckstücke. Das Boot, den roten Ortlieb und meinen Rucksack. Erstaunlich mit wie wenig man auskommen kann. Und wir haben auf der ganzen Tour nichts vermisst. Boot, Zelt, Kocher – alles dabei. Mächtig stolz auf diese Verpackungsleistung machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Aus dem geplanten Sprung in den Pool wird nichts mehr, denn es ist mittlerweile schon 12 Uhr. Die Sonne brennt vom Himmel und abwechselnd schieben wir das Boot eine nicht enden wollende Straße zum Bahnhof entlang. Als wir endlich da sind, der Bahnhof liegt hier weit außerhalb des Dorfes und ich habe bereits das Gefühl den halben Cingle von Tremolat zurück gelatscht zu sein, kommt auch schon der Zug. Ein älteres Ehepaar blockiert mittels Reiserädern den Eingang so geschickt, das wir kaum rein kommen. Doch als der Zug abfährt sind wir samt Boot darinnen.

Ein bisschen wehmütig bin ich jetzt schon. Der grauer werdende Himmel und der bald darauf einsetzende Regen sind nicht dazu angetan, die Stimmung aufzuhellen. Während André beim Boot sitzen bleibt, schaue ich aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Dörfer. Und bin ein bisschen unglücklich darüber, das dieser Urlaub nun schon fast vorbei ist (Gegen Wehmut hilft die Erinnerung).

Als wir um 15 Uhr in Bordeaux ankommen bin ich noch gänzlich unmotiviert und überlasse André die Hotelsuche, während ich beim Gepäck auf dem Bahnhofsvorplatz bleibe. André macht auch gleich Nägel mit Köpfen und mietet uns für 2 Nächte im Kyriad- Hotel ein. Nah am Bahnhof, mit Fahrstuhl und ein großes Bett, auf das wir uns nach einer Dusche fallen lassen. Was wollen wir mehr? Nach einer kurzen Siesta (und nachdem wir die Klimaanlage zum Schweigen gebracht haben) machen wir uns auf den Weg in die Stadt. In unserem Viertel reiht sich ein Sex- Shop an den nächsten. Ansonsten gibt es nicht viel.

Das muss wohl so sein im Bahnhofsviertel? Der Verkehr rauscht, Menschen lärmen. Nach 2 Wochen Ruhe fühlen wir uns allein aufgrund der Geräuschkulisse gestresst. Der Übergang in die Innenstadt verläuft nahtlos. Auch hier Lärm, tanzende Opas tragen quäkende Kassettenrekorder um den Hals um ein paar Münzen zu erbetteln, Allroundbeschallung aus allen Geschäften…die Stadt scheint allgemein ziemlich runter gekommen. Ein Asia- Laden reiht sich an den nächsten, ab und zu unterbrochen von Billig- und Schnäppchen- Märkten. Ich hatte Bordeaux ganz anders in Erinnerung. Da meine einzige Hose sich heute früh endgültig verabschiedet hat, ziehen wir lustlos von einem Klamottenladen zum nächsten. Je grusliger die Auslage, desto lauter kreischt der Techno. Hintergrundbeschallung kann man das nicht nennen, man versteht sein eigenes Wort nicht. Irgendwann verweigern wir uns allen Läden mit schrecklicher Musik. In einem Discounter finde ich eine Hose, die es zur Not tun würde.

Einen Schönheit ist sie nicht, aber ich will ja auch nur durch Spanien wandern und niemanden aufreißen. Bald darauf kommen wir an einen Laden, wo es diese hier in Frankreich überall so verbreiteten Quechua- Zelte gibt. Das müssen wir jetzt doch genauer ergründen, was die Franzosen dazu treibt, sich diese runden Dinger auf den Rücken zu schnallen. Angeblich stellen die Zelte sich selbst auf, aber das Packmaß ist so unsinnig, das man durch keine Tür mehr passt und auch sonst überall aneckt. Aber die Campingplätze sind allerorten mit Quechua geradezu gepflastert. Schnell haben wir des Rätsels Lösung gefunden. Es ist der Preis: Unglaubliche 30,-€ kostet so ein Ding, mehr nicht! Wir sind verblüfft. Das ist ja unglaublich. So ein Ding wäre das ideale Zelt für Festivals. Von Quechua gibt es nicht nur Zelte, und für 15,-€ finde ich eine nette, schnell trocknende Outdoorhose. Entschlossen bringe ich die andere zurück und erwerbe diese. Hat sich der Einkauf doch noch gelohnt. Es ist mehr als erstaunlich, wie billig Outdoorsachen hier allgemein sind. Wenn man bedenkt, welche Summen wir jedes Mal bei Globetrotter lassen…lieber nicht drüber nachdenken. So. Das mit der Hose hätten wir also. Fehlt noch eine Speicherkarte für den Foto, denn André besteht darauf, die jetzige mitzunehmen. Nicht das alle Dordogne Bilder in Spanien verloren gehen. In einem Einkaufszentrum, das von seiner Media- Abteilung abgesehen furchtbar ist, finden wir auch selbige. BildAuf der Suche nach was zu essen, der André ist mittlerweile ziemlich hungrig, kehren wir noch in der Kirche des heiligen André ein (ja, die gibt’s!) und landen dann bei Tiò Pepé. Da das ganze Restaurant mit Stierkampfszenen tapeziert ist, handelt es sich hier wohl um spanische Küche. Das Essen (Muscheln, les Mousles) ist lecker, die Atmosphäre angenehm und der Abend nett. Am Nebentisch ist eine komplizierte Dreiecksbeziehung im Gange, die ich zu Andrés Vergnügen entrüstet kommentiere. Zufrieden verlassen wir nach Mousse au Chocolat das Restaurant und nehmen die Straßenbahn zurück nach St. Jean. Dem Automat 2 Fahrscheine abzutrotzen war nicht ganz einfach, doch wir nehmen auch diese Hürde. Eine Haltestelle von Stalingrad entfernt steigen wir um, um in unser Rotlichtviertel zurück zu kehren, wo André mir die Decke weg zieht und vor Lärm nicht einschlafen kann. Ich bin noch von letzter Nacht so übermüdet, das ich ausnahmsweise nichts höre und sofort einschlafe.


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Freitag, 18.8.2006

»Bordeaux

Quietsch! Quietsch! Dieses Geräusch in endloser Wiederholung reißt uns zu unchristlich früher Uhrzeit aus dem Schlaf. nicht ärgern, Erinnerung an den Start. Mann! Wir haben doch extra so viel Geld bezahlt, um mal wieder eine Nacht richtig gut zu schlafen. Aber mit traumwandlerischer Sicherheit sind wir im lautesten Schlafzimmer der ganzen Stadt gelandet. Statt „Guten Morgen“ ist Andrés erster Satz die Frage, ob es mir etwas ausmachen würde, heute noch mal umzuziehen. Unausgeschlafen wie ich bin, habe ich noch zu gar nichts eine rechte Meinung, aber weg von hier, das klingt gut. Ja, bloß weg! Ohne Frühstück verlassen wir freudlos diesen Ort des Schreckens. Kyriad! Ha! Selbst eine 2.te freie Übernachtung als Entschädigung für die erlittenen Qualen kann uns nicht zum bleiben bewegen. Jeder der meine Sparsamkeit kennt, kann sich wohl spätestens jetzt vorstellen, wie schrecklich es wirklich war.

Stattdessen schleppen wir unser Boot die enge Wendeltreppe unter das Dach des Hotels „Rue de Rhume“ gegenüber und beten inbrünstig, dass wir hier nicht vom Regen in die Traufe gekommen sind. Doch im Moment ist alles ruhig. In Bahnhofsnähe erstehen wir Obst, Baguette und Orangensaft. Zusammen mit dem Ziegenkäse aus Tremolat ergibt das ein ganz passables Frühstück. Dermaßen gestärkt begeben wir uns erneut in die Stadt, um Bordeaux noch eine 2.te Chance zu geben. Gestern konnte es ja nicht so richtig überzeugen. Doch die Stadt lässt auch diese Chance ungenutzt.

Die Strassen, durch die wir schlendern, sind voller historischer Bausubstanz. Doch statt Charme strahlt die Gegend einfach nur Verfall aus. In Berlin gibt es auch runter gekommene Ecken, aber die Leute geben den Orten trotzdem Atmosphäre. Hier gelingt uns das wohl fühlen nicht. Ohne Reiseführer bekommt man zwar ein authentisches Bild zu sehen, doch das Bild das sich bietet ist traurig und grau. Vor einer Kirche wird Ramsch feilgeboten, der so oll ist, das es mich schon beschämt ihn nur anzusehen. Unter welchen Umständen müssen die Leute Leben, das sie so was noch kaufen? Und wir sind in Frankreich, mitten in Europa. Wir sind schockiert. Der erste halbwegs nette Platz ist bei St. Georg (Bordeaux wimmelt nur so von Heiligen). In einem hübschen Café essen wir zu Mittag. Oder besser gesagt, der André isst zu Mittag. Ich habe nach dem reichlichen Frühstück noch gar keinen Hunger und beobachte stattdessen das Treiben auf dem Platz. Andrés Lamm war köstlich, und in deutlich aufgeräumterer Stimmung machen wir uns erneut auf den Weg zu Quechua um dort noch etwas zu stöbern. Mit neuem T-Shirt im Gepäck entdecken wir das touristische Bordeaux. Das gibt es also auch. Auf dem platz des Engels am Springbrunnen halte ich ein Mittagschläfchen, dann durchqueren wir den Park Grande, der ziemlich klein ist, dann…- haben wir keine Lust mehr. Und fahren zurück in unser Ruhm- Hotel. Jetzt wissen wir sicher, das Bordeaux trotz seines klingenden Namens keine längeren Aufenthalt lohnt. Und dann dämmert unsere letzte Nacht herauf. Diese bedrückende Aussicht macht uns beide antriebslos. Morgen früh fahren wir mit den schnellsten Zügen Europas in entgegengesetzte Richtungen voneinander fort. Ich über Pau nach Spanien und André über Paris nach Berlin.


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